Nachhaltige Wirtschaftsprüfung - Prüfungs-und Berichtsfehler nicht zweimal machen!

 

Lieber Leser, liebe Leserin,

 

Die durch Wirecard ausgelöste Prüferkrise hat für die Wirtschaftsprüfer viele Facetten. Eine lautet Solidarität. Solidarisch hat der WP-Mittelstand bei den letzten Regulierungen seinen Rücken hingehalten. Nach Wirecard gilt: Nie wieder Prügelknabe für ein Big4-Versagen.

 

„Ich wehre mich dagegen, die deutschen Wirtschaftsprüfer unter Generalverdacht zu stellen“, sagt Michael Häger, Chef von Warth & Klein Grant Thornton, am 9.7.20 dem Handelsblatt. Dem ist zuzustimmen. Deswegen müssen dazu Ross und Reiter, also die Verursacher mit ihren Fehlern beim Namen genannt werden.

Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), warnt vor „voreiligen Konsequenzen“ aus dem Fall Wirecard. Er fürchtet wohl die Trennung Beratung und Prüfung. Denn der Ausfall der Beratungsumsätze bei seinen Big4-Mitgliedern könnte beim IDW ein größeres Loch in den IDW-Haushalt reißen. Das IDW hat eine kreative Beitragsregelung, die wohl dem Steuerrecht entnommen wurde. Die Beitragsberechnung basiert auf den Umsatzerlösen der Mitglieder. Die Abneigung von Prof. Naumann von Trennung Beratung und Prüfung speist sich vielleicht auch aus den drohenden Beitragsminderungen.

Es wäre doch eine groteske Solidarität, wenn der kleinere Mittelstand und die Einzelpraxen wieder einmal für ein Prüferversagen einer Big4 die Rechnung präsentiert bekommen würden. Bei Wirecard steht Big4 EY im Regen. Auch die Politik muss sehr aufpassen, damit die Big4-Lobbyisten ihre nächste Regulierung des Big4-Geschäftsmodells nicht wieder atomisieren. Das Handelsblatt schrieb zum Ergebnis der letzten EU-Big4-Reform im Dez. 2013: Barnier, als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet.

Die restlichen deutschen Reformen in der Wirtschaftsprüferordnung wurden unter Wirtschaftsminister Gabriel gestaltet. Das Wirtschaftsministerium schenkte den Big4 die Aufsicht APAS ohne Fachaufsicht. Damit kann weder der Minister, noch das Parlament den Alumni-Wirtschaftsprüfern der Big4-APAS deren Arbeit überprüfen. Heute ist Herr Sigmar Gabriel Mitglied im Beirat von Big4-Deloitte. Ein Schelm, der Böses dabei vermutet.

 

Die Big4-Wirtschaftsprüfer, die Schriftgelehrten des Neoliberalismus

 

Mit dem Begriff „nachhaltige Wirtschaftsprüfung“ meine ich nicht, dass die Wirtschaftsprüfung weniger Papier verbrauchen sollte. Ich beziehe die Nachhaltigkeit auf die Art und Weise, wie wir Wirtschaftsprüfung in der Tagesarbeit leben und prägen. Dies fängt damit an, dass wir unseren Auftrag, vor allem bei unseren originären Aufgaben als Wirtschaftsprüfer, immer im Auge behalten. Von 1931 bis 1985 war die vorrangige Aufgabe eines Wirtschaftsprüfers die Prüfung der Rechnungslegung und der Berichterstattung der Börsenunternehmen. Ab 1985 kam die gesetzliche Abschlussprüfung aller Kapitalgesellschaften ab einer gewissen Größe hinzu.

Wir sollten auch nicht als die Schriftgelehrten des Neoliberalismus fungieren, wie dies uns die Big4 seit über 20 Jahren vorleben. Werner Rügemer beschreibt in seinem Aufsatz "Der Mythos der ökonomischen Effizienz" Der Mythos der ökonomischen Effizienz diese Big4-Tätigkeit wie folgt: "Sie interpretieren die hochkomplizierten Bilanzvorschriften, die sie selbst verfassen und passen sie an die Anforderungen der Unternehmensvorstände an."

Unter diese Anpassung fällt für mich auch die Bilanzierung und Bewertung des wertlosen Goodwills in den 30 Dax-Unternehmen (aktuell rund 300 Mrd. EUR), die jedes Jahr - dank IDW S1 – das Werthaltigkeitssiegel bekommen.  Jeder Bilanzleser wissen inzwischen, dass im Goodwill nichts Nachhaltiges enthalten ist, nur heiße Luft. Deswegen müssen auch die Bilanzierungsregeln nachhaltig sein, an denen Big4 und IDW intensiv mitwirken.

Die Wirtschaftsprüfer sollten weder aktiv, noch passiv beim Steuerbetrug mit CUM-EX-Geschäften dabei sein. Mit passiv meine ich Wegschauen, wenn Big4  bei der Prüfung entdecken, dass Cum-Ex-Geschäfte vorliegen. Unsere Aufgabe ist mehr, als nur ein Teil der Rechtspflege, wie die Arbeit des Rechtsanwalts oder Steuerberaters, sie wird mit einem Siegel abgeschlossen.

Die Wirtschaftsprüfer sollten einer der Garanten einer nachhaltigen Marktwirtschaft sein. Diese Garantenstellung ist weder bei der Mitwirkung in den CUM-EX-Geschäften, noch in der Unterstützung der Fair Value Bewertung  Goodwill, noch in der aggressiven Steuerberatung erkennen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Das Big4-Geschäftsmodell ist geprägt von der Unerschöpflichkeit und Unbegrenztheit der betriebswirtschaftlichen Aktivitäten im Dienstleistungs- und Marketingbereich. Für solche Wirtschaftsprüfer sind natürlich einige Beschränkungen zur Qualitätssicherung hinderlich. So versucht seit geraumer Zeit die IDW-Führung die Kapitalbindung bei Gesellschaften nach § 28 WPO vom Gesetzgeber aufheben zu lassen, um auch Nicht-Wirtschaftsprüfer in den Gesellschafterkreis aufnehmen zu können.

Weiter möchten Big4 auch an der Vermarktung ihrer Software verdienen und deswegen gehört für das IDW "die Entwicklung, Verbreitung und Implementierung von IT-Lösungen zu den unter § 2 II Nr. 3 WPO genannten prägenden WP-Tätigkeiten".

Schon vor einiger Zeit hat der Chef-Lobbyist aus dem IDW, Prof. Naumann, gefordert, die gesetzliche Abschlussprüfung abzuschaffen. Der Wirtschaftsprüfer sollte sich vielmehr der Zertifizierung aller möglicher Dienstleistungen und Produkte zuwenden. Vorteil: Dieses Zertifikat ist ohne Risiko. Solche Zertifikate taugen nicht viel, kann aber  für das Marketing der zertifizierten Unternehmen nützlich sein, wie bei VW. Dort hat Big4-PWC jahrelange Motoren-Zertifizierung betrieben und  den   Automotive   Innovations Award verliehen. Verliehen wurde dieser Preis von PWC (Abschlussprüfer bei VW) und dem Center of Automotive Management (CAM).

Über viele Jahre hinweg hat PWC ihrem Prüfmandat VW zusammen mit CAM mit dem Awardpreis als innovationsreichster Autokonzern „ausgezeichnet“. Dies geschah vor und auch noch nach Bekanntwerden des Dieselbetrugs. Nur kurze Zeit nach ihrem Zertifikat 2014 – im Sept. 2014 - wurde der von PWC zertifizierte Autohersteller Volkswagen von der amerikanischen Umweltbehörde des Betrugs überführt. Abschlussprüfer bei VW war seit Jahrzehnten schon PWC und der "Chefprüfer" bei VW im Jahr des Bekanntwerdens des Dieselskandals war der PWC-Chef Prof. Winkeljohann. Dieser muss 2014 mit VW wohl besonders lukrative Beratungsdeals geschlossen haben. Denn in seinem ersten Prüfungsjahr 2014 bei VW explodierten die PWC-Beratungserlöse bei VW von 11 Mio. auf 17 Mio. EUR, die Prüfungshonorare blieben mit 13 Mio. EUR erstmals auf der Strecke. PWC setzte diese Preisverleihung über die Jahre hinweg fort.

Diese Dauer-Verklammerung zwischen Prüfung und Preisverleihung an den Geprüften ist für mich das Gegenteil von nachhaltiger Wirtschaftsprüfung. Hätte doch PWC besser - aufgrund ihrer wohl hohen Motorenkompetenz - Herrn Winterkorn den Hinweis zugesteckt, dass mit den Abgaswerten bei den Dieselmotoren etwas nicht stimmen kann.

Scheinbar war PWC als Motoren-Zertifikator zu stark abgelenkt, dass die erforderliche Unparteilichkeit und Unabhängigkeit auf der Strecke blieb. Erstaunlich die immer wiederholten Argumente aus dem Hause der Big4 und IDW für solche Beratungsleistungen: Wir brauchen die Beratung, damit wird die Abschlussprüfung qualitativ unterstützt! Und die Beiträge des IDW sinken nicht, sondern sie steigen.

Mit Beratungsaufträgen lassen sich Zahlungen einen legalen Charakter verleihen, sagen Ethik-Wissenschaftler zur Problematik der Prüfung mit gleichzeitiger Beratung. Dies gilt nicht so sehr bei mittelständischen Unternehmen, weil dort die Gesellschafter umfangreiche Informationsrechte haben.

 

Neue Fehlerkultur: Reden ist Gold - Schweigen ist schlecht!

 

Der Wirtschaftsprüfer unterliegt einer sehr starken Verschwiegenheitspflicht. Diese Pflicht ist Bestandteil seines Berufseids. Trotzdem hat der Abschlussprüfer eine Redepflicht, dieser kommt er bei Verstößen im Testat oder im Prüfungsbericht nach. Das eine schließt das andere nicht aus.

Besser für das PWC-Beratungsgeschäfts war es wohl, den jahrelangen VW-Dieselbetrug nicht auf dem Prüferrisikoschirm gehabt zu haben. Obwohl die Award-Kategorien "Konventionelle und Alternative Antriebe" die Auszeichnungskategorien des Jahres 2014 waren, hat anscheinend kein PWC-Fach-WP eine Plausibilitätsprüfung vorgenommen. Soviel zur Aussage Beratung stärkt die Prüfung.

Solche von der Öffentlichkeit wahrgenommenen Interessenskollisionen zerstören eine der wertvollsten Ressource, die die Wirtschaftsprüfung besitzt, die Glaubwürdigkeit. Die Wirtschaftsprüfer leben von ihrem guten Ruf. Doch nur ein Skandal kann diese Arbeit komplett zunichte machen und die gesamte Branche in den Schmutz ziehen. Dies zeigt sich wieder bei der Wirecard-Bilanzfälschung.

 

Nachhaltige Wirtschaftsprüfung hat viel mit unserem Auftrag zu tun

 

Der Wirtschaftsprüfer ist vereidigt und übt insbesondere ein öffentliches Amt aus. Dies wissen wir, aber in Deutschland fehlt eine Debatte über die Funktion der Wirtschaftsprüfer und darüber, ob und wie die Berufsangehörigen ihrer Aufgabe und den Erwartungen an das Amt gerecht werden sollten. 

Ein Berufstand, der ein Handbuch Verhaltenskodex für Berufsangehörige mit 296 Seiten braucht, macht sich eher verdächtig und für mich etwas gravierend falsch. Ein solches Handbuch braucht niemand, weil es weder gelesen, noch gelebt werden kann. Das Buch führt ein Leben als Buchrücken im Bücherregal. Die Wirtschaftsprüfung braucht vielmehr eine fundamentale Erneuerung, wie wir es schon vor 10 Jahren im wp.net-Magazin 2011 gefordert haben. Eine Ergänzung soll heute kurz vorgestellt werden.

Ohne gelebte Solidarität des gesamten Berufsstands wird die Fehlerkultur nicht funktionieren.

 

Wenn wir das Vertrauen behalten wollen, müssen wir die Testatssicherheit nicht nur verbal erhöhen. Wir müssen Fakten liefern.

Der Weg über die Kontrolle und Untersuchungen ist gescheitert. Die bisherigen Reformen haben die vielen qualitätssichernden Maßnahmen auf sträflichste vernachlässigt, weil vor allem auf das Pferd „Prüferkontrolle“ gesetzt wurde. Wir müssen für die Prüfung und Prüfer des Börsen- und PIE-Segments alle qualitätssichernden Maßnahmen ohne Scheuklappen neu diskutieren. Doch damit ist nicht genug!

Menschen machen Fehler – Nicht-Kommunikation macht Prüferskandale

 

Die Wirtschaftsprüfung braucht für die Abschlussprüfung nicht nur die Berufspflichten und die Prüfungsstandards, sie braucht auch eine Fehlerkultur. Dieser wichtige und mögliche Lösungsweg wurde von den Wirtschaftsprüfern bislang überhaupt nicht angesprochen. Wenn wir als Abschlussprüfer vorwärts kommen wollen, müssen wir auch die Solidarität bei unseren Fehlern leben. Die zivile Luftfahrt lebt es uns seit 20 Jahren vor. Die Unfallrate konnte seit Beginn des 21. Jahrhunderts erheblich reduziert werden. Dies trotz steigender Flugzahlen und immer enger getakteter Flugpläne. Dies schreibt der Pilot Philip Keil in seinem Buch „Du bist der Pilot“, Raffler Verlag 2019, Kap. 7, S. 184). Nutzen wir den Human Factor und lernen nicht nur aus den eigenen Fehlern, sondern auch aus den Fehlern der Anderen.

Die Wirtschaftsprüfer tun sich extrem schwer damit, Fehler einzugestehen. Dazu bedarf es der Solidarität unter den Wirtschaftsprüfern.

Die bisherige Fehlerkultur in der Wirtschaftsprüfung ist Strafen und Schweigen. Menschen machen aber Fehler. Dieses menschliche Phänomen können wir nicht beseitigen. In der Luftfahrt wird nicht der Fehler bestraft, sondern die Nichtmeldung des Fehlers wird bestraft. Natürlich drohen bei grober Fahrlässigkeit und Vorsatz auch Strafen. Doch die vielen kleineren Fehler verdichten sich in einer Fehlerkette zu einem massiven Fehler, der in der Luftfahrt Crash heißt und bei den Wirtschaftsprüfern Testatskatastrophen oder Prüferskandale genannt, wie wir jetzt wieder bei Wirecard erleben.

Die Lebensweisheit: Jeder bekannte Fehler aus der Prüfung kann die Wiederholung des Fehlers durch einen anderen Kollegen verhindern, sollte uns der Versuch wert sein. Es müssen aber auch die Hierarchien im Prüfungsteam auf den Prüfstand. Das auf Hierarchie basierende Überstimmen der Argumente der Teammitglieder verursacht ebenfalls viele Fehler.

Träumen wir nicht länger von einer nachhaltigen Wirtschaftsprüfung. Werden Sie aktiv und beteiligen Sie sich daran, einen Bauplan für diese neue nachhaltige Wirtschaftsprüfung mit aufzustellen.

Ich danke allen, die uns Ihre Gedanken zur nachhaltigen Wirtschaftsprüfung

 per Mail schicken werden.

Wir bleiben im Dialog.
Michael Gschrei im Juli 2020