wp.net zu den Lehren aus dem Wirecard-Skandal

SMP: Small- and Medium-Sized Practice (KMU)

 

Lieber Leser, liebe Leserin,

 

der wp.net-Gesamt-Vorstand hat zum Wirecard-Skandal Gedanken gemacht, welche Lehren gezogen werden müssen und am 30.07.2020 in einer Videokonferenz das Thesenpapier verabschiedet. Es hat wenig mit dem zu tun, was das IDW und die Politik in ihren Schnellschüssen verbreitet haben. Für uns ist Wirecard hausgemacht. Skandal mit Ansage!

 

In unseren Thesenpapier bewerten darin das Qualitätssicherungssystem  der Big4, die Eignung des Big4-Geschäftsmodells für die Abschlussprüfung, die Mitwirkung derBig4 bei den fachlichen Regeln für die Abschlussprüfung und für die Qualitätskontrolle und die Verpflichtung der Big4-Alumnis in den Aufsichtsstellen BaFin, DPR und APAS. Das Lobbying der Big4 und Ihrer Lobbyisten wurde auch thematisiert.

 

Wichtig für uns ist eine neue Fehlerkultur:

Fehler neu denken - zur Vermeidung und Wiederholung von Fehlern.

 

Das Haltbarkeitsdatum der letzten Abschlussprüfungs-und Aufsichtsreform betrug keine vier Jahre. Dies überrascht uns nicht. Nach Auswertung der bereits vorliegenden umfangreichen Berichterstattung zum Wirecard-Fall fordern wir folgende Reformen:

 

1. Gewährleistung eines wirksamen Qualitätssicherungssystems bei den Big4-Prüfern

 

  • Die Prüfungsnachweise müssen zwingend sein und nicht nur überzeugend, damit Scheinurteile vermieden werden. Dies muss die WPK-Berufssatzung regeln und nicht die IDW PS. Denkbar ist auch, diese Anforderung in § 55b WPO vorzunehmen.
  • Die Anwendung der Original-ISA-Prüfungsstandards muss vom dt. Gesetzgeber verbindlich vorgeschrieben werden (u. a. weil die EU-Kommission nicht mehr tätig wird). Damit kann die von uns festgestellte Schwäche der IDW PS überwunden werden. Den Rest (z.B. Fachgutachten, Regeln in der Berufssatzung) erledigt die WP-Kammer. Dies dient zur Ablösung privater Standardsetter (wie derzeit IDW e. V.) im hoheitlichen Bereich.
  • Für die Prüfungsdurchführung müssen die großen Gesellschaften mehr gut ausgebildete Prüfer und auch einen höheren Anteil von Wirtschaftsprüfern vor Ort einsetzen. Der verantwortlicher WP muss eine angemessene Zeit vor Ort verbringen. Die Einhaltung muss im Prüfungsbericht dargestellt und bei PIEs vom Prüfungsausschuss festgestellt werden.
  • Sicherstellung der Eigenverantwortlichkeit des Abschlussprüfers und der Überprüfbarkeit der Prüferurteile. Die von den prüfenden Personen eingeholten Prüfungsnachweise sind als Kopie/Bild in den Arbeitspapieren aufzubewahren, damit sie dem verantwortlichen WP und allen Personen in der Qualitätssicherung und –kontrolle zur Überprüfung bzw. Abnahme der Prüferarbeit vorliegen.

 

Dazu gibt es noch Erläuterungen in einem ausführlichen Anlagenpaket (Anlage 1)

2. Änderungen der Strukturen im System der Abschlussprüfung

 

Bereits nach der letzten großen Abschlussprüferkrise (IKB, HRE 2007, Landesbanken, u.a., uneingeschränkte Testate auf Basis von Plausibilisierung intransparenter Finanzprodukte), wurden Änderungen in den Prüferstrukturen gefordert.

Um Fälle wie Wirecard & Co künftig zu verhindern, müssen sich die Reformziele den Big4-Prüfern und Ihrer Prüferarbeit zuwenden. Deren Strukturen sind auf die Erfüllung der hoheitlichen Aufgaben hin auszurichten.

 

Das Geschäftsmodell der Big4-Prüfung muss auf den Prüfstand

Wir sind zur Überzeugung gekommen, dass bei den Big4 eine hohe Qualität der Prüfung nicht an erster Stelle steht, sondern rein wirtschaftliche Ziele ihr Handeln bestimmen. Die Entwicklung bei den Big4 in den letzten 10 Jahren deutet für uns darauf hin, dass sie vorrangig folgende Ziele verfolgen: Ausweitung des Umsatzwachstums durch Beratungstätigkeiten aller Art, Kostensenkung durch schwaches internes Qualitätssicherungssystem und vor allem Networking. Der Big4-Umsatz stieg von 100 Mrd. $ in 2008 auf 154 Mrd. $ in 2019. Dagegen sank der (hoheitlich geprägte) Prüfungsumsatz auf nur noch rund 20% des Umsatzes. Zur Absicherung ihres Geschäftsmodells wird Einfluss genommen auf Politik und Parteien, Behörden und Aufsichtsstellen, Verbände, Universitäten, Presse, um nur einige zu nennen. Big4 verstehen sich als Unternehmensberater und nicht mehr als Abschlussprüfer (siehe Website-Präsentationen).

 

Wir fordern deswegen folgende gesetzliche Maßnahmen:

  • Trennung von Beratung und Prüfung im PIE-Segment, damit die Beratungsfunktion die Prüfungsfunktion nicht neutralisiert und damit die Prüfungsfunktion stärkt.
  • Eine Rotation der PIE-Prüfer, die auch den Namen verdient und aus dem Prüfungsauftrag nicht ein Generationenvertrag von 20 Jahren wird.
  • Einführung von Joint Audit-Prüfungen im großen PIE-Segment, damit, wenn ein Team nicht ordentlich prüft, noch ein funktionierendes und unabhängiges weiteres Prüferteam mit dabei ist.
  • Die APAS muss sich auf die PIE-Aufsicht und die System-Aufsicht über die WPK(Qualitätskontrolle) beschränken. Keine zusätzliche Auswertung aller Qualitätskontroll-Berichte oder Vorgabe von kritischen Erfolgsfaktoren, die nicht durch Gesetz vorgegeben sind. Damit würden Kapazitäten für die Überwachung der PIE-Prüfer frei.
  • Die APAS muss einer Fachaufsicht[1] Die EU-VO hat eine solche Freistellung nicht gefordert.
  • Für alle Vorbehaltsaufgaben (u. a. alle gesetzlichen Abschlussprüfungen) muss es eine Honorarordnung geben. Damit Stärkung der Wahrnehmung der Abschlussprüfung als eine hoheitliche Aufgabe (Abschlussprüfung ist keine gewöhnliche Ware/commodity).
  • Zur Sicherstellung der Unabhängigkeit übernommener WPs müssen eventuelle Altersversorgungsansprüche an die vorherigen Arbeitgeber auf eine neue Stelle übertragen werden.

 

[1] Bei der Fachaufsicht kommt zur Rechtsaufsicht noch die Zweckmäßigkeitsprüfung des Verwaltungshandels hinzu. wp.net kritisiert die von der APAS vorgenommenen Verschärfungen bei den kleinen Praxen und die Freistellung einer großen Zahl von verantwortlichen Wirtschaftsprüfern bei der Mandatsüberprüfung im Rahmen der Qualitätskontrolle bei den Big4-Gesellschaften.

3. Fehler neu denken – Positive Fehlerkultur zur Vermeidung der Wiederholung von Fehlern

 

Der wahre Fehler liegt in der jetzigen Fehlerkultur. Der gesamte Berufsstand muss einen positiven Umgang mit den Fehlern praktizieren (Fehlerprävention und –management). Statt die Prüfungsfehler zu bestrafen und geheim zu halten, muss jeder Fehler (im Berufsstand, auch anonym) bekannt werden, um aus den Fehlern zu lernen und diese künftig zu vermeiden. Dies erhöht die Prüfungsqualität enorm.

 

Da vorrangig die Nichtoffenbarung des Fehlers bestraft wird, wird die Bekanntgabe der Fehler unterstützt, was zur Fehlerminimierung und Vermeidung von Folgefehlern führt.

 

Wir haben die Hoffnung, dass die Wirtschaftsprüfung das gleiche erreichen kann, wie uns dies die zivile Luftfahrt schon seit 20 Jahren erfolgreich vorlebt. Wir müssen den Human Factor berücksichtigen: Also aus Fehlern lernen. Wirtschaftsprüfer sind auch Menschen und alle Menschen machen Fehler, Schweigen über die Fehler führt zu Katastrophen. Dies sind Prüferskandale wie z.B. bei Wirecard. Die positive Fehlerkultur muss Teil der fachlichen Kammerarbeit sein.

 

 

Dazu gibt es noch Erläuterungen in einem ausführlichen Anlagenpaket (Anlage 2)

 

4. Qualitätsverbesserung in der Aufsicht durch Abbau der Big4-Lastigkeit

 

Die Aufsicht leidet für uns unter der Big4-Lastigkeit. Keine Aufsicht, die nicht mit ehemaligen Big4-Wirtschaftsprüfern besetzt ist. Ob DPR, APAS oder in der BaFin, ehemalige Big4-Wirtschaftsprüfer bestimmen bei der Umsetzung der Aufsichtsmaßnahmen mit. Und bei der APAS sogar noch ohne Fachaufsicht. Dass man die BaFin zu einer schlagkräftigen Behörde und Aufsicht über die jetzigen Big4-Prüfer umstrukturieren will, zeigt uns, dass man aus bekannten Fehlern nichts lernen will.

 

5. Lobbying durch das betroffene Big4-Netzwerk unterbinde

 

Kein einziger Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der Big4-Abschlussprüfung und -Aufsichtsreform 2011 bis 2016 für PIE-Prüfungen erreichte sein Ziel. Deswegen wird es die wichtigste Maßnahme für eine sachgerechte und wirksame Big4-Prüfungsreform sein, auf die Autorenschaft der Big4 bei den Reformgesetzen zu verzichten, weil die Transparenz ihrer Mitwirkung für uns nicht umsetzbar ist 

 

Dazu gibt es noch Erläuterungen in einem ausführlichen Anlagenpaket (Anlage 3)

 

Wir stehen für weitere Gespräche gerne zur Verfügung.

WP Michael Gschrei,
GF Vorstand