WP-Berufstand muss Unabhängigkeit garantieren!
Kategorie: Aktuelles
Datum: 18.09.2026

Mancher EY-Prüfer machte es sich bei Wirecard offenbar zu einfach. Dabei gab es keinen Mangel an Regeln: Gesetze, Berufssatzung und zahlreiche Prüfungsstandards sollten gerade verhindern, dass gravierende Bilanzmanipulationen unentdeckt bleiben. Verhindert haben sie das Wirecard-Desaster dennoch nicht.

Wirecard hat damit eines deutlich gemacht: Regeln auf dem Papier allein schaffen noch kein Vertrauen. Entscheidend ist, wie sie in der Praxis gelebt werden und ob die Öffentlichkeit darauf vertrauen kann, dass der Abschlussprüfer tatsächlich unabhängig handelt.

Denn für das Vertrauen in die Abschlussprüfung genügt nicht allein die Einhaltung formaler Regeln. Ebenso wichtig ist, dass auch kein begründeter Zweifel an der Unabhängigkeit des Prüfers entsteht.

Warum deshalb der Anschein von Unabhängigkeit ebenso wichtig ist wie die Einhaltung der Regeln, lesen Sie heute im zweiten Teil des Beitrags von WP Frank Paulus.

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Mit freundlichen Grüßen
WP/StB Michael Gschrei
WPK-Beiratsmitglied



wp.weekly

 


Unser Berufsrecht schützt nicht nur vor tatsächlichen Interessenkonflikten. Es schützt ebenso das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers.

Deshalb kann bereits der begründete Anschein wirtschaftlicher Einflussmöglichkeiten das Vertrauen in die Abschlussprüfung beschädigen. Das gilt insbesondere beim Fremdbesitz: Wo Dritte wirtschaftliche Interessen an einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft haben, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob diese Interessen Einfluss auf berufliche Entscheidungen nehmen können.

Gerade deshalb wurde das Fremdbesitzverbot über Jahrzehnte als eine tragende Säule des freien WP-Berufs verstanden.

Es genügt nicht, dass Wirtschaftsprüfer nach Gesetz und Satzung unabhängig sein müssen. Sie müssen auch als unabhängig wahrgenommen werden.

Wer beim Fremdbesitz allein auf bestehende Unabhängigkeitsregeln verweist, beantwortet deshalb nur die halbe Frage. Entscheidend ist auch, ob die wirtschaftlichen Strukturen hinter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das Vertrauen in ihre unabhängige Berufsausübung stärken oder Zweifel daran entstehen lassen.

Bemerkenswert ist, dass bislang kaum belastbare Erkenntnisse darüber vorliegen, wie die Öffentlichkeit die Unabhängigkeit der Abschlussprüfer tatsächlich beurteilt.

Gesetze und Berufssatzung schaffen die notwendige Grundlage. Vertrauen schaffen sie allein jedoch nicht. Vertrauen entsteht durch glaubwürdige Strukturen und glaubwürdiges Handeln der Wirtschaftsprüfer.

 

Wenn mittelbarer Fremdbesitz unter bestimmten Voraussetzungen berufsrechtlich zulässig sein soll, stellt sich die Frage: Wo verläuft künftig die Grenze?

Genügt es, gesellschaftsvertragliche Regelungen zu schaffen, um wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten auszuschließen?

Oder verändert sich damit schrittweise das Verständnis dessen, was den freien Beruf des Wirtschaftsprüfers bislang ausgezeichnet hat?

Diese Fragen verdienen eine offene und sachliche Diskussion. Denn sie betreffen nicht nur einzelne Beteiligungsmodelle, sondern den Wesenskern unseres Berufs.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass sich Eigentümer- und Steuerungsstrukturen großer Wirtschaftsprüfungsgesellschaften verändern. Private-Equity-Investoren beteiligen sich in einzelnen Märkten an Gesellschaften oder Netzwerkstrukturen. Internationale Organisationsformen gewinnen an Bedeutung, strategische Entscheidungen werden teilweise auf globaler Ebene vorbereitet und wirtschaftliche Steuerungsgrößen wie Wachstum, Profitabilität und Rendite spielen eine zunehmend wichtige Rolle.

Auch Vergütungs- und Karrieresysteme können wirtschaftliche Anreize schaffen, die mit den hohen Anforderungen an die berufliche Unabhängigkeit in Einklang gebracht werden müssen. Dabei geht es ausdrücklich nicht um den Vorwurf, Wirtschaftsprüfer würden ihre Berufspflichten verletzen.

Die grundsätzliche Frage lautet vielmehr, ob sich wirtschaftliche Einflussstrukturen und das Leitbild des unabhängigen Freiberuflers dauerhaft widerspruchsfrei miteinander vereinbaren lassen.

Denn für das Vertrauen in die Abschlussprüfung genügt es nicht, dass Wirtschaftsprüfer tatsächlich unabhängig handeln. Ihre Unabhängigkeit muss für Anleger, Gläubiger, Arbeitnehmer und Öffentlichkeit auch erkennbar und glaubwürdig bleiben.

Die Diskussion über den mittelbaren Fremdbesitz ist deshalb keine gesellschaftsrechtliche Detailfrage. Sie berührt die grundsätzliche Frage, wie unabhängig unser Berufsstand künftig organisiert sein soll.

 

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zur Beiratswahl 2026.

Berufspolitik erschöpft sich nicht in der Besetzung von Gremien. Sie entscheidet darüber, welche Werte den Berufsstand künftig prägen und wie berufsrechtliche Grundprinzipien ausgelegt und weiterentwickelt werden.

wp-net hat sich deshalb 2026 entschieden, keinen Vorstandssitz einzufordern, weil die Wähler ihr keine entsprechende Mitentscheidungshoheit übertragen haben.

Das bedeutet jedoch keinen Rückzug aus der Berufspolitik. Im Gegenteil: Wir werden uns weiterhin in die Diskussion einbringen und die Grundsatzfragen unseres Berufs aktiv mitgestalten.

 

Der mittelbare Fremdbesitz an Wirtschaftsprüfungsgesellschaften berührt die Identität unseres Berufs.

Der freie Beruf des Wirtschaftsprüfers lebt von persönlicher Unabhängigkeit, Eigenverantwortung und dem Vertrauen der Öffentlichkeit. Diese Werte dürfen nicht erst bei der konkreten Prüfungsentscheidung beginnen. Sie müssen die gesamte Struktur einer Berufsgesellschaft prägen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Welches Berufsbild wollen wir in zehn oder zwanzig Jahren haben?

Einen Berufsstand unabhängiger Freiberufler, die allein ihrem gesetzlichen Auftrag verpflichtet sind?

Oder eine Prüfungsbranche, in der wirtschaftliche Steuerung und Kapitalinteressen zunehmend den Rahmen der Berufsausübung bestimmen?

Die Antwort auf diese Frage wird nicht allein in Gesetzen und Gesellschaftsverträgen gegeben.

Sie wird auch dort entschieden, wo Berufspolitik gestaltet wird.

Deshalb ist die Diskussion über den mittelbaren Fremdbesitz weit mehr als eine Debatte über gesellschaftsrechtliche Konstruktionen.

Es geht um eine Richtungsentscheidung über die Zukunft des freien Berufs des Wirtschaftsprüfers – und darum, dass Wirtschaft, Kapitalmarkt und Gesellschaft auch künftig auf die Unabhängigkeit der gesetzlichen Abschlussprüfung vertrauen können.

Es grüßt Sie herzlich
WP/StB Frank Paulus


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Bildnachweis: Stock-Illustration: Cheer-J-ane/Shutterstock

Frank Paulus
Author: Frank Paulus

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